Bruno – Border Collie mit Angst
Verblüfft, oder vielmehr entsetzt, hat mich der Border Collie Bruno. Er und sein Frauchen hatten bereits einige Hundeschulen hinter sich und trainierten schon seit über einem Jahr auf das Ziel „Begleithundeprüfung“. Die beiden betraten das Gelände und nur die Leine hielt den Hund bei seiner Hundeführerin. Allerdings zog Bruno nicht nach vorne, sondern zur Seite. Er wollte weg! Einfach nur weg von seinem Frauchen.
Bruno war bereits fünf Jahre alt und war als Welpe in die Familie gekommen. Er hatte Schwierigkeiten mit Geräuschen, Erwachsenen und Kindern sowie Angst vor allem, was sich bewegte. Die größten Probleme hatte er mit Autos, Motorrädern und Traktoren. Außerdem war er sehr aggressiv gegenüber Artgenossen.
Im ersten Moment war es unerklärlich, warum dieser Hund solche Symptome zeigte. Bei seinem Züchter hatte er eine gute Sozialisierung erfahren, er war nie hart bestraft oder gar geschlagen worden.
Dieser Hund brauchte Hilfe! Die Begleithundeprüfung war für mich zweit-, wenn nicht drittrangig.
In meiner Ausbildung unterscheide ich zwei Arten der Erziehung bzw. des Lernens: das Formal-Lernen (z. B. Sitz, Platz) und das Sozial-Lernen (z. B. sich an Schwächeren nicht aufzuwerten). Grundsätzlich sollte die soziale Erziehung über der formalen stehen. Oft wird dies vergessen oder gar nicht berücksichtigt.
„Ich kenne viele Abiturienten mit außergewöhnlich gutem Abschluss, aber mit erheblichen sozialen Defiziten in ihrem Leben.“ Dieser Satz meines Lehrers hat sich in mein Gehirn eingebrannt. Menschlichkeit lässt sich nun mal nicht in Noten ausdrücken. Eine der wichtigsten Regeln im Leben ist ein respektvolles und achtsames Miteinander. Genau das sollte auch in der Hundeausbildung gelten. Es gibt Hunde, die einen Titel nach dem anderen abräumen, aber im Alltag ungenießbar sind. Darum hat bei mir die Sozial-Erziehung einen sehr hohen Stellenwert.
Brunos Besitzerin war aufgrund eines Autounfalls körperlich leicht eingeschränkt. Sie konnte mit der linken Hand weder die Leine führen noch Futter geben. Auch in ihrer Koordination war sie gehandicapt. Dies erschwerte das Training zusätzlich. Unzählige Hundetrainer vor mir hatten sich schon vergeblich um diesen Hund bemüht. Trotz dieser Ausgangslage wollte ich es mit den beiden versuchen.
Im ersten Schritt galt herauszufinden, warum Bruno so hypersensibel auf sein Umfeld reagierte. Wir gingen über den Parkplatz. Autos fuhren langsam an uns vorbei und blieben stehen. Schon diese einfache Alltagssituation war für die Beiden ein Spießrutenlauf. Bruno zog extrem an der Leine. Er zuckte bei jedem neuen Geräusch zusammen und zeigte keinerlei Orientierung an seiner Hundeführerin. Was deutlich auffiel war, dass Bruno´s Besitzerin sehr viel Mitgefühl aufbrachte sobald er Angst bekam. Sie versuchte ihren Hund mit Stimme und Zuneigung zu beruhigen, genau dies bestärkte ihn in seinem Verhalten und ließ die Situation eskalieren.
Die Hundehalterin reagierte völlig aufgelöst, sobald Bruno in vermeintlich normalen Situationen Panik bekam. Sie war so sehr damit beschäftigt, alles richtig zu machen, dass sie keine Wahrnehmung mehr für die Reaktion ihres Hundes hatte.
Bruno brauchte jedoch einen „Fels in der Brandung“!
Der erste Schritt war, der Hundeführerin ein besseres Bewusstsein für ihre Selbstwahrnehmung zu vermitteln. Sie lernte, auf ihre Gefühle und ihre daraus resultierende Ausstrahlung zu achten. Man kann kaum erwarten, dass ein Hund in Konfliktsituationen souverän reagiert, wenn man selbst unsicher ist. Trotz ihres anfänglich schlechten Handlings sprach ich ihr Mut zu und gab ihr mehr Selbstvertrauen.
Schritt für Schritt ging es weiter: Körpersprache des Hundes erkennen, gemeinsames spielen, Selbstbewusstsein durch Parcoursarbeit aufbauen, usw.
Zusätzlich stellten wir auf den Clicker um. Das brachte den Durchbruch! Denn die oft emotionsgeladene Stimme der Frau hatte den Hund so konditioniert, dass er auf loben Panik bekam. Der Clicker war ein unverbrauchter Marker und konnte als positive Verstärkung eingesetzt werden. Um den sensiblen Border Collie punktgenau zu bestätigen, teilten wir die Arbeit auf. Ich klickte für korrektes Verhalten und Frauchen fütterte. So kaschierten wir ihr Handicap.
Mit dieser Basis war es ein Kinderspiel, das Schema der Begleithundeprüfung einzustudieren. Denn durch weniger Angst und Stress verbesserte sich das Lernverhalten des Hundes erheblich. Bruno wurde deutlich umweltsicherer. Mit so viel neuem Selbstvertrauen ging es zur Prüfung.
Eine bestandene Begleithundeprüfung war das Sahnehäubchen dieser Arbeit.
Mich persönlich freute sehr viel mehr, diesem Mensch-Hund-Team zu besserer Lebensqualität verholfen zu haben. Und mir wurde wieder einmal aufgezeigt, dass Hunde ihre Emotionen klar und unverfälscht ausdrücken.
NICHT DAS LEBEN IST DAS HÖCHSTE GUT, SONDERN EIN GUTES LEBEN.
(Sokrates)

Bericht von 2018 (im Gebraushund veröffentlicht)
